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Ankunft, Arbeit, Alltag – über die schwierige Jobsuche geflüchteter Menschen und warum Unternehmen Flüchtlinge einstellen.

Kleben, schweißen, nieten, verschrauben, restaurieren – das gehört zum Arbeitsalltag des braungebrannten Mannes, der im schwarzen Arbeitsoverall in der PAPPAS-Autowerkstatt im 21. Bezirk steht. Essam Hasan ist Karosseriebautechniker, kümmert sich quasi um die Außenhaut eines Autos. Er ist glücklich mit seiner Arbeit. Es war ein harter Weg dorthin.

Wie alles begann

Im November 2015 kam Essam Hasan nach Österreich. 2012 floh der damals 30-Jährige aus seiner Heimatstadt Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, vor dem Krieg. Er ging zuerst zu einem Freund in die Türkei. „Eine schlimme Zeit“, wie er heute sagt. Schwarzarbeit, alles schwierig, das Geld reicht knapp zum Leben. Ein älterer Bruder ist bereits in Österreich. Essam beschließt ihm zu folgen.

Die Fluchtroute führt ihn über das Meer nach Griechenland, drei Stunden auf dem 6-Meter-Schlauchboot, 36 Menschen darauf, 1000 Dollar pro Person, große Angst. Am Festland angekommen, geht die Route weiter durch Mazedonien, Ein Jahr wartet der Syrer auf seinen positiven Asylbescheid. Er macht Deutschkurse bis B1, meldet sich beim AMS, schickt unzählige Bewerbungen. Wenn überhaupt Antworten kommen, dann nur Absagen. mit dem Hinweis, dass er keinen Lehrabschluss hat. In Aleppo arbeitete er seit seinem 16. Lebensjahr als Autospengler. Über zwanzig Jahre Erfahrung, aber kein Papier, das es ihm Schwarz auf Weiß bestätigt.

So wie Essam Hasan ergeht es vielen Flüchtlingen in Österreich. Im Frühjahr 2018 waren über 30.000 anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte beim AMS arbeitslos gemeldet. Sobald eine Person in Österreich Asyl oder subsidiären Schutz erhält, hat sie freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Während des Asylverfahrens dürfen Asylsuchende nicht arbeiten, außer sie bekommen eine Beschäftigungsbewilligung, die de facto aber meist nur für Saisonarbeit wie etwa in der Landwirtschaft erteilt wird, und das auch nur, wenn für die Stelle kein/e ÖsterreicherIn oder andere/r EU-BürgerIn zur Verfügung steht.

Asylverfahren können sich oft bis zu zwei Jahre oder länger hinziehen. Viel Zeit, die verstreicht. Ist der Asylbescheid endlich da, gibt es manchmal immer noch Hindernisse am Weg zum Job: Es mangelt an ausreichenden Sprachkenntnissen, manche Geflüchtete leiden an Traumata, Zeugnisse und Abschlüsse können nicht anerkannt werden, die Personen verfügen über kein soziales Netzwerk, das ihnen bei der Jobsuche hilft.

Essam Hasan hatte Glück. Er kam schnell mit vielen Menschen in Kontakt. In seinem Wohnheim lernte er Ümit Mares-Altinok, die sich dort ehrenamtlich engagierte, kennen. Mares-Altinok betreibt die Unternehmensberatung „kultur & gut“, bietet Trainings und Coachings im Bereich Migrationsmanagement an und versteht sich als „Kulturdolmetscherin“.

Hasan nimmt am „step2job“-Projekt der Caritas teil, das beim (Wieder-) Einstieg in den Arbeitsmarkt hilft. Auch Mares-Altinok unterstützt dort. Sie lernen jeden Tag zusammen Deutsch, machen Ausflüge, sprechen viel miteinander. Sie bekommt die vielen Jobabsagen mit. „Da ist mir eingefallen: Hey, mein Bruder ist auch so ein Autofreak und hat Bekannte in einer Werkstatt. Vielleicht lässt sich da zumindest ein Arbeitstraining organisieren, damit Essam mal etwas in der Hand hat“, erzählt die Unternehmensberaterin. Gesagt, getan. Im Juli 2017 beginnt der 36-Jährige ein Probemonat in der Wiener Werkstatt PAPPAS. Nach einer Woche dann der Anruf: „Den geben wir nicht mehr her, der ist der Beste!“ Seither ist Hasan angestellt und arbeitet Vollzeit.

„Ich mag meine Arbeit sehr, alle Leute hier sind nett und hilfsbereit“, sagt der Karosseriebautechniker. Es hätten sich auch schon Freundschaften in der Arbeit gebildet. „Ich kann endlich kaufen, was ich möchte, auch mal Urlaub machen, und muss vor allem nicht vom Sozialamt leben und immer nur zuhause sitzen“, berichtet er.

Idris Inanc, Kundendienstberater bei PAPPAS, der Hasan schließlich an sein Unternehmen vermittelte, lobt seinen Kollegen: „Er ist ein guter Mensch. Arbeitet sehr genau, kommt immer pünktlich, hat tolle Fachkenntnisse und ist im Team gut angekommen.“ In Syrien habe es besonders viele japanische Marken gegeben, erzählt der Syrer. Ansonsten unterscheide sich seine Arbeit hier nur darin, dass in Österreich schneller Teile ausgetauscht würden, in Syrien mehr repariert wurde. Von 7:30 Uhr bis 16 Uhr ist er wochentags täglich in der Werkstatt. Und danach? „Genießt er derzeit sein Single-Leben“, flüstert Inanc grinsend. Essam Hasan ergänzt schnell: „Ich besuche gerne meinen Bruder, gehe durch die Stadt spazieren und ich liebe es zu fotografieren.“

Von Hürden und Bürden

Natürlich habe es anfangs sprachliche Schwierigkeiten gegeben, erzählt Idris Inanc. Online-Übersetzungsprogramme und Türkisch, das sowohl Inanc als auch Hasan sprechen, hätten geholfen. „Und der Essam hatte von Anfang an immer einen Block dabei, um sich die neuen deutschen Fachbegriffe aufzuschreiben“, ergänzt Inanc.

Von unzureichenden Deutschkenntnissen hört auch Ümit Mares-Altinok in ihren Gesprächen mit Unternehmen. „Viele Geflüchtete haben den einen oder anderen Kurs besucht, aber oft sind dazwischen lange Pausen aufgrund des fehlenden Angebots. Und es fehlt der Kontakt zur sogenannten Mehrheitsgesellschaft, um die Sprache in der Praxis anwenden und erweitern zu können“, sagt die Coachin. Ideen, um dieses Problem zu lösen, hätte Mares-Altinok viele. „Ich denke zum Beispiel an eine App, die diverse Freizeitangebote gebündelt anzeigt. Es gibt zum Beispiel vom ÖAMTC Gratis-Fahrradkurse für Migrantinnen oder Museen bieten immer wieder Kurse für Geflüchtete an, nur weiß das niemand.“

„Seit ich die Sprache gut kann, fühle ich mich angekommen“, sagt Essam Hasan. Davor sei es schwierig gewesen sich allein zurechtzufinden. Schon Kleinigkeiten, wie den richtigen Zug und den dazugehörigen Bahnsteig herauszufinden, wurden da schwierig. „Ich wohne jetzt auch mit einem Österreicher zu zweit in einer WG. Das hilft mir sehr“, berichtet er.

Eine weitere Herausforderung bei der Anstellung von geflüchteten Menschen sei das I-Tüpfelchen-Reiten der Bürokratie, meint Beraterin Ümit Mares-Altinok. „Viele können ihr Studium nicht nostrifizieren lassen oder keinen Lehrabschluss vorweisen.“ Trotzdem würden sie oft gute Fachkenntnisse mitbringen. „Ich empfehle den Unternehmen: Lernt die Person einmal kennen und seht euch an, wie sie arbeitet. Danach kann man immer noch entscheiden“, sagt Mares-Altinok. Manche Firmen würden sich darauf einlassen, andere nicht. Für PAPPAS gab es keine administrativen Hürden. „Essam hat alles organisiert und mitgebracht“, sagt Inanc.

Als Essam Hasan durch die Werkstatträume führt, wird er von allen Seiten begrüßt. Kollegen klopfen ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Fesch bist!“, sagt die Dame hinter dem Empfangstisch während der Fotoaufnahmen lächelnd.

Warum hat PAPPAS einen Flüchtling eingestellt? „Weil wir gute Menschen sind“, sagt der Chef schmunzelnd vom Nachbartisch. Laut einer Deloitte-Umfrage, an der sich Anfang des Jahres 186 Personen aus österreichischen Unternehmen beteiligt haben, sieht die Mehrheit der befragten Unternehmen es als ihre Verantwortung, ihren Beitrag zur Integration geflüchteter Menschen zu leisten. Im Sommer 2016 wurde die Befragung schon einmal durchgeführt, damals erklärten sich zwei Drittel der Unternehmen bereit einen Flüchtling anzustellen, doch nur ein Prozent setzte dies in die Tat um. Aktuell aber beschäftigen bereits 31 Prozent der Befragten geflüchtete Personen.

Aus der Umfrage geht auch hervor, dass sich die Unternehmen einfache und klare Regelungen von Seiten des Gesetzgebers sowie zusätzlich eine begleitende Beratung wünschen. Von diesem Wunsch weiß auch Petra Endl von ABZ*AUSTRIA.

Das Non-Profit-Unternehmen für Gleichstellung am Arbeitsmarkt hat gemeinsam mit der Caritas der Erzdiözese Wien im Sommer 2017 das Pilotprojekt „inclusion@work“ gestartet. Es unterstützt die Integration asylberechtigter bzw. subsidiär schutzberechtiger Frauen am Arbeitsplatz und bietet kostenlose Beratung für Unternehmen und Begleitung im Integrationsprozess geflüchteter Frauen im Unternehmen. Manchmal komme es zu kulturellen Missverständnissen, erklärt Petra Endl. Zum Beispiel bei flachen Hierarchien: „Nur weil man am ersten Tag mit allen per Du ist, heißt das nicht, dass alles locker gehandhabt wird, wie etwa Zuspätkommen.“ 112 Unternehmen aus Wien und Niederösterreich nehmen derzeit am Projekt teil.

 „Es ist wichtig immer positiv zu bleiben“, sagt Essam Hasan. Er spricht mit ruhiger Stimme, formuliert einwandfreie Sätze, überlegt oft einen Moment bevor er antwortet. Neben Arabisch, Kurdisch und Deutsch spricht er auch Türkisch sowie etwas Griechisch. „Ich liebe die griechische Aussprache. Die ist schön.“ Später einmal möchte er in Griechenland Urlaub machen. „Viele Leute kennenlernen und Arbeit finden, das ist das Wichtigste, was ich anderen Flüchtlingen mitgeben kann“, sagt er.

Seit drei Jahren führt das österreichische Arbeitsmarktservice (AMS) eine Kontrollgruppe von 9500 anerkannten Flüchtlingen oder subsidiär schutzberechtigten Personen. Von diesen Menschen hatten Ende April 2018 30 Prozent eine Beschäftigung, 49 Prozent waren ohne Job oder in Schulung und die restlichen 21 Prozent waren nicht erwerbsfähig.

Gute Zeichen

Und wie sieht die Situation wirtschaftlich aus? Anfang des Sommers veröffentlichten WissenschaftlerInnen der Paris School of Economics im Magazin „Science Advances“ eine Studie über die wirtschaftliche Entwicklung 15 westeuropäischer Länder – darunter auch Österreich, das durch die Balkan-Kriege viele ZuzüglerInnen aufnahm – im Zeitraum von 1985 bis 2015.  Ergebnis: Die Wirtschaft profitiert, wenn sich die Menschen dauerhaft im Land niederlassen.

Die Neuankömmlinge kompensieren die anfänglichen staatlichen Kosten wie Mindestsicherung oder Ausbildungskosten später durch Steuern und Ausgaben. Zudem sind ZuwanderInnen meist junge Erwachsene, die weniger auf staatliche Leistungen angewiesen seien als ältere Personen. In der Regel würden beim vermehrten Zuzug von MigrantInnen innerhalb von zwei Jahren die Arbeitslosenquote sinken und die Wirtschaft wachsen, bei Flüchtlingen setzen diese positiven Effekte laut Studie im Schnitt nach fünf Jahren ein. Zudem stellten die Studienautoren fest, dass die Wirtschaft der Länder, die MigrantInnen und geflüchtete Menschen aufnahmen, sich deutlich positiver entwickelte als jene, die eine restriktivere Migrationspolitik betrieben.

In Österreich wird laut einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bis 2020 die Zahl der Arbeitskräfte durch Geflüchtete um 0,5 Prozent ansteigen, die Zahl der Arbeitslosen könnte sich um zwei bis vier Prozent erhöhen. Die OECD fordert die Länder auf, Menschen mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit schon früh in den Arbeitsmarkt zu integrieren, das hieße auch Arbeitsmarktzugang schon während des Asylverfahrens zu gewähren. Dies würde zu einem besseren Integrationserfolg bei Flüchtlingen und deren zweiter Generation führen.

Wird die PAPPAS-Autowerkstatt mehr geflüchtete Menschen anstellen? „Es spricht nichts dagegen“, sagt Idris Inanc, „Allen, die fleißig sind, stehen unsere Türen offen.“ Auch bei der Deloitte-Umfrage können sich 91 Prozent der Firmen, die bereits einen Flüchtling beschäftigen, gut vorstellen weitere geflüchtete Menschen einzustellen.

Gemeinsam mit dem Flüchtlingshochkommissariat UNHCR hat die OECD einen Zehn-Punkte-Aktionsplan entwickelt, um die Beschäftigung von Flüchtlingen zu fördern. Darin werden Best-Practice-Beispiele beschrieben, wie das deutsche Arbeitgeber-Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“. Es gibt Tipps, wie MitarbeiterInnen und Vorgesetzte vorbereitet werden können, wie Diversitätsmanagement funktioniert und welche Unterstützung geflüchtete ArbeitnehmerInnen brauchen. Dem Netzwerk gehören mittlerweile 1800 Firmen in ganz Deutschland an. Oder die kanadische Einwanderungsbehörde, die einen Leitfaden für ArbeitgeberInnen erstellt hat mit Informationen über das syrische Bildungssystem, sozioökonomische Merkmale syrischer Flüchtlinge oder verfügbare finanzielle Anreize für Firmen, die Geflüchtete einstellen. In Italien vergibt das UNHCR Italien ein „Welcome. Working for Refugee Integration“-Logo an Unternehmen, die die Arbeitsmarktintegration fördern. Die Firmen können diese Auszeichnung als Marketing-Instrument nutzen. Aus Österreich wird die Jobmesse „Chancen:reich“ hervorgehoben. Die Berufsmesse für Geflüchtete fand 2016 in Wien statt und brachte 90 Aussteller sowie 3500 Flüchtlinge und Asylsuchende zusammen.

Einer, der momentan keine Jobmesse braucht, ist Essam Hasan. Auf dem Rückweg von der hinteren Werkstatt ins Büro wird der Syrer langsamer, bleibt stehen und formuliert folgenden Wunsch: „Können Sie bitte schreiben: Ein großes Danke an Österreich und seine Menschen! Sie waren immer nett zu mir. Ich bin dem Land und den Leuten sehr, sehr dankbar.“

Fotos: Milena Österreicher

erschienen in: MO – Magazin für Menschenrechte 52/2018

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