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Batool Al Shikh Yasin huscht in bequemer Jogginghose die Stiegen hinunter, ihre kleine Tochter Talia auf dem Arm. Batools freundliches Lachen begrüßt einen durch die Glastür, noch bevor sie sie geöffnet hat. „Hallo, wie geht es dir?“ fragt die Syrerin und streckt die Hand entgegen.

Seit Dezember 2015 wohnt die junge Mutter mit ihrem Mann Mahmood in der Wohnung eines grünen Mehrfamilienhauses im niederösterreichischen Pfaffstätten. Vier Monate zuvor, im September 2015, kam das syrische Ehepaar nach zehntätiger Flucht in Österreich an. Zumindest einmal physisch.

„Wir machen hier einen Neustart“, sagt Batool. In Syriens Hauptstadt Damaskus hatten sich die 30-Jährige und ihr Mann ihr gemeinsames Leben bereits aufgebaut. „Wir haben ein eigenes Haus gebaut und in Jobs gearbeitet, die wir liebten.“ Batool arbeitete als Landschaftsingenieurin und lehrte an der Universität in der Stadt Hamab. Mahmood studierte Medizin und arbeitete in mehreren Krankenhäusern. Einzig ein Kind fehlte dem jungen Paar noch zu ihrem perfekten Glück.

„Asylkooperation“ mit Slowakei

Doch 2011 bricht der Bürgerkrieg in Syrien aus. In Damaskus wird es durch die vielen Bombardierungen immer gefährlicher, das Ehepaar entschließt sich 2015 zur Flucht. Erster Stopp: Libanon. Weiter mit dem Bus in die Türkei. Von dort sieben Stunden Bootsfahrt nach Griechenland. 60 Menschen im winzigen Schlauchboot, viele kleine Kinder an Bord, die Angst groß. Dann zu Fuß weiter, nach Kroatien, nach Ungarn, nach Österreich.

Der Preis der Reise: 5.000 Euro pro Person. Und eine Menge an Erinnerungen, lieben Menschen und Besitz, die Batool und ihr Mann hinter sich lassen müssen.

In Österreich angekommen, ist die Reise allerdings noch nicht zu Ende. Batool und Mahmood müssen weiter, diesmal in die Slowakei. Die damalige österreichische  Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vereinbarte mit ihrem slowakischen Amtskollegen eine so genannte Asylkooperation. 500 AsylwerberInnen mussten in eine Unterkunft am Rande der südslowakischen Stadt Gabčíkova wechseln, da die Erstaufnahmestelle Traiskirchen überbelegt war. Nach zwei Monaten erhalten Batool und Mahmood einen positiven Asylbescheid und können zurück nach Österreich.  „Es ist schade, da haben wir zwei Monate verloren, in denen wir Deutsch lernen hätten können“, sagt Batool heute.

Initiative „Together“

Über eine befreundete Familie finden Batool und ihr Mann schließlich die Wohnung in Niederösterreich. „In Pfaffstätten ist endlich Ruhe in meinen Kopf eingekehrt.“, erzählt sie. Die Kleinfamilie fühlt sich in der kleinen Gemeinde mit über 3500 Einwohnerinnen wohl. „Die Menschen im Ort sind wirklich sehr nett.“ Wenn sie eine ruhige Minute findet,  hört Batool Musik, liest oder geht gern, aber selten, ins Fitnessstudio. Während sie erzählt, lauscht ihre eineinhalb-jährige Tochter Talia gespannt den Liedern, die aus dem Tablet ihrer Mama erklingen – „Wir fahren zur Schokoladenallee.“, tönt es aus dem Lautsprecher. „Sie liebt deutsche Kinderlieder. Sie will keine anderen hören.“, sagt die Mutter ein klein wenig stolz. „Daher gehört Lieder auf Deutsch zu singen mittlerweile auch zu meinen Hobbys.“, erzählt sie grinsend.

„Am Anfang war die deutsche Sprache sehr schwierig für uns.“, berichtet Batool. Unterstützung fand sie bei der Pfaffstättner Freiwilligeninitiative „Together“. Im Pfarrheim wird gemeinsam mit Einheimischen Deutsch gelernt und auch gemeinsame Aktivitäten unternommen. „Das Schönste war, als wir zusammen gekocht und dann von allem gekostet haben, vom österreichischen und vom syrischen Essen.“

Ein weiteres Highlight für Batool: der Theaterausflug ins benachbarte Baden. „Wir haben Papageno gesehen, das war ganz toll.“, erzählt sie mit strahlenden Augen.

Neben den improvisierten Deutschklassen im Pfarrheim, besuchte sie auch einen A1-Kurs an der Volkshochschule und absolvierte die dazugehörige Prüfung. „Als Talia ein Baby war, war es sehr schwierig mich auf Deutsch zu konzentrieren. Sie hatte sehr lange gesundheitliche Probleme und brauchte unsere volle Aufmerksamkeit.“ Ihr Mann Mahmood bestand bereits erfolgreich die B2-Deutschprüfung. Momentan lernt er intensiv für die medizinische Fachvokabular-Prüfung im Sommer. Er hat eine Arztstelle in einem Krankenhaus in Aussicht sobald die Nostrifizierung seiner Diplome beendet ist.

Batool wartet derzeit auf einen Deutschkursplatz. „Sobald ich die Zusage für einen Kurs habe, gebe ich Talia zu einer Tagesmutter.“ Die Kleine hat noch Scheu vor fremden Menschen. „Ich möchte, dass sie das Problem im Kindergarten dann nicht mehr hat und dass sie mit zwei Sprachen aufwächst.“, sagt Batool.

Fast perfekt auf Deutsch

Die Syrerin verständigt sich fast problemlos auf Deutsch. „Die Frau bei der Einstufung, wollte mir sofort einen B1-Kurs geben, aber ich habe gesagt: Bitte, bitte erst A2. Ich möchte die Grammatik und alles wirklich gut lernen.“ Neben den Treffen mit ihren „Together“-FreundInnen, übt sie zuhause alleine mit YouTube und Büchern. „Manchmal, wenn gerade niemand zum Üben da ist, spreche ich auch selbst laut mit mir Deutsch: ‚Batool, du musst noch einkaufen gehen‘, zum Beispiel.“, grinst die junge Frau.

Einzig die Wörter „Krieg“ und „Grenze“ geraten ihr im Gespräch durcheinander. Sie erzählt von „der Grenze 2011“. Das Jahr hat tatsächlich neue Grenzen in ihrem Leben gesetzt. Der Krieg in Syrien bricht aus, der IS erobert Teile des Landes. „Seit diesem Zeitpunkt trug ich immer ein Kopftuch in der Tasche bei mir. Wenn ich Daesh (Anm.: der „Islamische Staat“) aus der Ferne sah, setzte ich es sofort auf.“

Heute sitzt die junge Frau ohne Kopftuch auf dem großen grauen Sofa ihrer Pfaffstättner Mietwohnung. Ihr langes schwarzes Haar fällt über den Rücken. Talia sitzt auf ihrem Schoß und spielt mit einer Strähne. Auch vor dem Krieg trug Batool nie ein Kopftuch. Sie ist Ismailitin, Angehörige eines Zweigs des schiitischen Islams, „wir sind in unserem Denken und Weltbild sehr offen“, sagt sie. „Wenn ich hier in Österreich Frauen mit Kopftuch sehe, habe ich bei manchen das Gefühl, sie seien noch nicht so ganz angekommen.“

Die studierte Landschaftsingenieurin möchte sobald als möglich wieder zu arbeiten beginnen. „Ich kann nicht einfach nur still sitzen ohne Arbeit.“ Batool verschwindet kurz in der Küche, um das Abendessen zu holen. Sie kommt mit zwei Tellern Reis mit Auberginen und Tomaten zurück – „Ich bin Vegetarierin, schon seit meiner Kindheit.“ Das Wohnzimmer duftet nun nach feinen Gewürzen. „Das Wichtigste ist, dass mein Mann und ich nun so schnell als möglich Jobs finden und wir eine Zukunft für uns und Talia aufbauen. Talia ist das größte Glück, das uns seit unserer Flucht passiert ist. Sie ist jetzt unsere größte Motivation und unser größter Antrieb.“

Foto: Milena Österreicher

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