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Geburtsland: Österreich. Aktueller Wohnort: Türkei. Warum zwei WienerInnen Österreich (vorerst) den Rücken kehrten.

Woher kommst du?“ „Aus Wien.“ „Woher genau?“ „Aus Simmering.“ „Woher genau?“ „Aus dem Bauch meiner Mutter.“ „Ja, aber… woher sind deine Eltern?“ „Aus der Türkei.“ „Ah, du bist aus der Türkei.“

Unzählige Male hat Dilek Yücel diesen Dialog in Österreich geführt. 1984 wird Yücel in der Rudolfstiftung im dritten Wiener Gemeindebezirk geboren. Sie besucht Volksschule und Gymnasium, danach folgen Bachelor und Master der medizinischen Informatik an der Technischen Universität Wien.

Auch Asuman Yilmaz erblickt in Österreich das Licht der Welt. Die Tochter türkischer Gastarbeiter besucht Volksschule und Hauptschule in Vorarlberg. Später macht sie die Studienberechtigungsprüfung und studiert Publizistik in Wien.

Zwei Frauen, die in Österreich geboren wurden. Zwei Frauen, die in Österreich aufwuchsen, zur Schule gingen, hier sozialisiert wurden. Zwei Frauen, die nun in der Türkei leben. Warum?

Nach 9/11 fing es an

„Richtig stark hat es nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begonnen.“, erzählt Dilek Yücel. Sie war in der siebten Klasse, 16 Jahre alt, trug noch kein Kopftuch. „Am Tag nach den Attentaten kam mein Geographielehrer in die Klasse. Er näherte sich meinem Tisch und sagte: ‚Stimmt’s Dilek, im Islam kommt man ins Paradies, wenn man Nicht-Muslime umbringt.“. Die Schülerin ist schockiert, sie hatte seinen Unterricht bis dahin geliebt. „Warum stellen Sie mir so eine Frage, Herr Professor?“ „Bist du nicht Muslima?“ „Ja, und?“ „Osama Bin Laden ist ja auch Muslim.“

Asuman Yilmaz zog in jenem Jahr zum Studieren nach Wien. Auch für sie war 9/11 eine Zäsur, „danach hat’s angefangen“: Die Frau, die sie bei einer Haltestelle fest an der Schulter anrempelt. Der Nachbar, der sie ständig vom Fenster beobachtet und sie anbrüllt: „Ihr macht immer das Gleiche, vernichtet alles.“, als ihre dreijährige Tochter ein Gänseblümchen von der Gemeinschaftswiese pflückt.

Im Sommer 2016 befragte die Erdoğan-nahe „Union Europäischer-Türkischer Demokraten (UETD)“ über tausend AustrotürkInnen, ob sie bereit wären, Österreich zu verlassen. Der Hintergrund: Österreichs Außenminister Sebastian Kurz hatte nach einer Demonstration für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Wien nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei verlautbart: „Wer sich in der türkischen Innenpolitik engagieren will, dem steht es frei, unser Land zu verlassen.“

Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, bereit zu sein, sofort das Land zu verlassen. Als Hauptgrund nannten sie zunehmende Islamophobie. Nur 2,4 Prozent der befragten TürkInnen beschrieben ihre Situation in Österreich als „sehr gut“.

Nach dem Uniabschluss findet Dilek Yücel eine Stelle als Dozentin in Wien. Nebenbei beginnt sie mit „Teach for Austria“. Das Programm holt HochschulabsolventInnen als QuereinsteigerInnen für mindestens zwei Jahre als Lehrkräfte an Schulen. Yücel unterrichtet fortan Mathematik, Informatik und Lerncoaching an einer öffentlichen Mittelschule in der Bundeshauptstadt. Dabei fallen ihr einige Missstände auf.

Die KollegInnen steckten die SchülerInnen in „Nationalitätenschubladen“ und sprachen meist abfällig von „den jugoslawischen Kindern, den tschetschenischen Kindern oder den türkischen Kindern, die sie nicht zum Schulausflug mitnehmen wollen“. 99 Prozent der SchülerInnen hatten Migrationshintergund. Anders als die LehrerInnen, das führte laut Yücel oft zu beiderseitigen Missverständnissen. Die Kinder erzählten ihr außerdem, sie hätten das Gefühl, die österreichischen LehrerInnen würden sie nicht mögen.

Eine ältere Kollegin war beispielsweise wütend, weil ein Schüler sein Mitteilungsheft mit einer wichtigen Unterschrift vergessen hatte. „Bei uns in Österreich ist das so, da muss man das Mitteilungsheft immer dabeihaben. Wenn dir das nicht passt, setz dich in den Zug und fahr zurück in die Türkei.“, sagt die Lehrerin in Anwesenheit von Dilek zum Schüler.

Um diesen Gräben entgegenzuwirken, stellt Dilek eigenhändig Projekte im Bereich Diversität und Zusammenleben auf die Beine. „Ich habe mich immer schon als Brückenbauerin gesehen.“, sagt sie. Sie veranstaltet eine interreligiöse Woche. Sie führt eine karitative Woche für alle ein. Die Kinder besuchen ein Altersheim, sammeln Kleiderspenden für Ute Bock und kochen in der Gruft. „Ich wollte den Kindern den Glauben an sich selbst wiedergeben. Die Kinder sind aufgeblüht in den Projekten.“ Ihre Projekte reicht die Austrotürkin beim Bildungsministerium ein und gewinnt den Fairness Award. Innerhalb der Schule kommt ihr Engagement weniger gut an. Nach zwei Jahren verlässt sie die Mittelschule.

„Wie kann man von diesen Kindern erwarten, dass sie später ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten wollen, wenn man ihnen ständig das Gefühl gibt, sie seien kein Teil dieser Gesellschaft, wenn man ihnen sogar in der Pause verbietet in ihrer Muttersprache zu sprechen?“, fragt die Informatikerin heute.

In Österreich leben derzeit etwa 116.000 Türken und Türkinnen. Die Mehrheit von ihnen in Wien. Die Türkei ist somit nach Deutschland und Serbien das drittgrößte Herkunftsland ausländischer StaatsbürgerInnen in Österreich. Landesweit haben rund 300.000 Menschen türkische Wurzeln. Laut Statistik Austria blieb die Zahl der Menschen, die Österreich dauerhaft Richtung Türkei verlassen, über die vergangenen Jahre konstant: im Durchschnitt 3.000 Personen pro Jahr.

Alleinerzieherin in Istanbul

Als Asuman Yilmaz und ihr Mann sich scheiden lassen, zieht die junge Frau mit ihren Kindern von England, wo sie mit ihrem Ex-Mann zwei Jahre lang lebte, in die Türkei. Sie kennt das Land bereits gut, sie war zuvor jedes Jahr bei Verwandten in der Türkei zu Besuch gewesen. Dennoch sind es ihr in Istanbul manchmal immer noch zu viele Menschen. Yilmaz hat hier einige FreundInnen, doch ist es nicht leicht diese spontan auf einen Kaffee zu treffen. „Die Entfernung und der Verkehr in der großen Stadt machen das manchmal fast unmöglich.“

Seit drei Monaten arbeitet Asuman in einem Callcenter, andere Jobs waren aufgrund der Kinderbetreuung bisher nicht möglich. “Viele fragen mich, warum ich nicht nach Österreich zurückkomme.“ Gerade als alleinerziehende Mutter sollte sie es in der Alpenrepublik einfacher haben. „Ich wollte aber nicht mehr zurück.“, sagt die 37-Jährige. Der zunehmende Rassismus war für sie nicht mehr ertragbar. „Vor zwei Jahren war ich kurz drei Tage in Wien zu Besuch, da habe ich es wieder gemerkt. Jeden einzelnen Tag von den drei Tagen. Auf der Straße, in der Straßenbahn – überall. Ich will das nie wieder erleben.“.

„Ich vermisse meine Freunde in Österreich, die Cafés in Wien und die Mannerschnitten.“, erzählt Yilmaz. „Aber ich habe mich längerfristig für die Türkei entschieden. In Istanbul habe ich mich gefunden. Es ist ein bisschen Asien, ein bisschen Europa, genau wie ich.“

In die Heimatstadt ihrer Eltern wolle sie nicht, dort sei es nicht so liberal, wie in der Millionenstadt am Bosporus. Eine alleinerziehende Mutter würde dort nur für guten Gesprächsstoff unter den NachbarInnen sorgen. „Es gibt auch in der Türkei Dinge, die mich stören. Aber die gibt es überall.“, meint sie. Auch in der Türkei beobachtet sie Feindlichkeit, die sie erschrecke, vor allem gegenüber KurdInnen und den vielen Flüchtlingen, die aktuell im Land der drei Meere stranden. Sie sei keine Erdogan-Anhängerin, aber wenn Asuman deutsche und österreichische Medien konsumiert, ist sie trotzdem enttäuscht: „Es stimmt definitiv nicht alles, was dort über die Türkei geschrieben wird.“

Mit Kopftuch keine Karriere

„Die vielen Menschen hier machen mich manchmal müde.“, erzählt Dilek Yücel über Istanbul. Aber sie schätzt die lebendige 15 Millionen-Stadt, die rund um die Uhr geöffneten Geschäfte, die fröhlichen und freundlichen Menschen. „Das Raunzen gibt es hier nicht. Und es fehlt mir auch nicht.“

Yücel fühlt sich in Istanbul „als kultureller Mischmasch“ respektiert. „Deutsch- und AustrotürkInnen werden hier gern gesehen, weil wir genau sind und „zack, zack, zack“ arbeiten“, schmunzelt die 32-Jährige. Seit letztem Herbst ist sie als Projektmanagerin und Trainerin beim staatlichen TV-Sender „TRT World“ tätig. Viele ihrer KollegInnen kommen ebenso aus Österreich oder Deutschland. Einige zog es wegen der Familie oder – wie Dilek –  wegen der Karrieremöglichkeiten in die Türkei, doch viele kamen auch aufgrund der steigenden Islamophobie und Diskriminierung, berichtet Yücel.

Nachdem sie ihre Lehrtätigkeit in Wien beendet hatte, bewarb sie sich bei großen Firmen, darunter auch bei einem Diversity-Institut. Im Bewerbungsgespräch sagte der Manager zu ihr: „Frau Yücel, Sie haben einen tollen Lebenslauf, so viele Preise, Auszeichnungen und Projekte. Aber wissen’s was… Österreich wird nie zulassen, dass eine Frau wie Sie…“, er kreist mit seinem Finger um das Gesicht und meint offensichtlich Yücels Kopftuch, „…in Österreich Karriere macht, tut mir leid.“

„Ich habe nicht aufgegeben, mich weitergebildet und weltweit beworben, da ich gesehen habe: Okay, Österreich will anscheinend wirklich nicht, dass ich hier durchstarte. Dann suche ich eben woanders mein Glück.“ Es kam das Angebot aus der Türkei, Dilek ging. „Ich bin gebürtige Wienerin. Meine Vergangenheit, meine Erinnerungen, sind in Österreich. Es war für mich immer selbstverständlich, dass ich dem österreichischen Staat etwas zurückgeben möchte. Ich verdanke ihm viel.“, erklärt Yücel. „Aber wie soll ich etwas zurückgeben, wenn man mich nicht lässt?“, fragt sie während die Sonne durch die Fensterrollos ihres Istanbuler Büros blitzt.

*Gülegüle heißt „Tschüss“ auf Türkisch.

Fotos: Dilek Yücel

erschienen in: MO – Magazin für Menschenrechte 46/2017

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