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Helga Feldner gelang es als Kind, im KZ Theresienstadt  zu überleben. Ein Gespräch über Österreich damals und  heute, den Aufstieg der Rechtspopulisten und  die Sicht auf Kriegsflüchtlinge. 

 

Sie wurden 1929 geboren und verbrachten die ersten Jahre Ihrer Kindheit in Wien. Wann nahmen Sie zum ersten Mal Feindseligkeiten gegenüber Juden wahr?

Ich habe als kleines Kind einiges mitbekommen, zum Beispiel die Hakenkreuze am Trottoir. Ich erinnere mich auch an die „Gott schütze Österreich“-Rede von Schuschnigg, die wir alle im Radio hörten. Die Erwachsenen weinten, ich weinte mit, ohne wirklich zu wissen, warum. Dann ging es Schlag auf Schlag. Sie warfen mich bald um den 15. März 1938 von der Volksschule. Der Direktor kam zu mir und einer Kameradin und sagte: „Kommt’s heraus. Ihr müsst sofort nach Hause gehen, wir können keine Juden in der Schule dulden“. Das war sehr traumatisch für mich. Und dann ist der Stern gekommen, das war richtig hart. Jeder hat einen angeschaut. 1940/41 war es dann schon sehr schlimm. Wir durften nicht mit der Straßenbahn fahren, nicht in die Parks. Auf den Bänken stand: „Juden und Hunde unerwünscht.“

War für Ihre Familie Emigration ein Thema?

Wir waren knapp bei Geld. Eines Tages haben sie meinen Vater abgeholt, er war im Oktober 1938 auf der Roßauer Lände und dann bis Juni 1939 in Buchenwald. Die Orte, an die man auswandern konnte, waren schon sehr beschränkt. Amerika und die europäischen Länder haben ja kaum mehr wen aufgenommen. Letzten Endes konnte man nur nach Kuba oder nach Shanghai. Shanghai war eine Option für uns, wir hatten dort Bekannte. Man konnte ohne Visum und ohne großes Trara hinfahren. Die Mama hat alles verkauft, was wir besaßen, und immer wieder versucht, Schiffskarten zu kaufen. Im Juni 1939 ist dann mein Vater zurückgekommen.

Wir konnten eine letzte Schiffskarte zahlen und er fuhr damit nach Genua. Wir mussten dann aber mit Schrecken feststellen, dass wir einem Betrüger aufgesessen waren, es das Schiff nicht gab und das Geld weg war. Vater ist vorerst in Italien geblieben.

Sie blieben in der Zwischenzeit in Wien?

Ja, wir waren hier. Großpapa hat seine schützende Hand über uns gehalten, denn nach den Nürnberger Gesetzen war die Mama ein Mischling ersten Grades mit einem lebenden christlichen Vater, der sich um sie „geschert“ hat. Es ist immer weiter bergab mit uns gegangen. Wir mussten ständig umziehen. In der Judenschule dünnte sich die Klasse aus. Wenn ein Kind eine Woche nicht erschienen ist, ist es nie wiedergekommen. Insgesamt waren wir drei Mal im Sammellager zur Verschickung, aber der Großpapa, ein ehemaliger Offizier, hat uns immer rausgeholt. Kaltenbrunner, der Chef der Gestapo, war wie mein Großpapa in der Wiener Neustädter Offiziersakademie. Ich weiß nicht, ob er ihn kannte, jedenfalls empfing er ihn und versicherte ihm, dass seiner Tochter nichts passieren würde. Wir dachten, das würde auch auf uns Enkelkinder zutreffen. Dem war aber nicht so. Knapp nach meinem 14. Geburtstag galten die Nürnberger Gesetze für mich anders. Ich hatte nicht mehr den Status meiner Mutter, sondern meinen eigenen, den Volljudenstatus. Nach meinem Geburtstag bekam ich Ende März 1943 die „Einberufung“ nach Theresienstadt. Meine Mutter meldete sich mit meiner kleinen Schwester freiwillig dazu.

Sie waren von März 1943 bis Juni 1945 in Theresienstadt. Was ist Ihnen von dort besonders in Erinnerung geblieben?

Ich war fortwährend hungrig. Im Sommer war es heiß und im Winter schrecklich kalt. Und es gab riesige Mengen an Ungeziefer, die Strohsäcke haben so gestunken. Da waren Wanzen, Wanzen, Wanzen und Flöhe, Flöhe, Flöhe. Viele Leute haben auch Läuse gehabt. Meine Schwester war im Kinderheim, ich im Jugendheim und die Mama in einem Blockhaus untergebracht. Ich habe geschaut, dass ich eine schwerere Arbeit in der Landwirtschaft bekomme, bei der man mehr zu essen bekam. Es hat sich immer alles um die Esserei gedreht, der Magen hat gekracht. Ich war damals 14 oder 15 Jahre alt.

Was gab es zu essen?

Für drei Tage hat man 750 Gramm Brot, eine Rolle Margarine und ein- oder zweimal eine kleine Tüte Zucker gekriegt. In der Früh einen großen Schöpflöffel von einem undefinierbaren Gebräu aus Rüben. Zu Mittag hat man einen großen Schöpfer von Graupen oder Gersteln bekommen. Es hing davon ab, wie sympathisch man dem Austeiler war, je nachdem nahm er den Schöpfer von ganz unten oder von oben von der Oberfläche, wo nur Flüssigkeit war. Am Abend dasselbe noch einmal.

Jetzt möchte ich Ihnen aber erzählen, wie ich dem Ausschwitz-Transport entkommen bin. Im Jahr ’44 habe ich eine „Einladung“ nach Ausschwitz bekommen. Wir wussten nicht genau, was das war, dachten an ein Arbeitslager. Alle fuhren dorthin. Es hat ja auch Arbeitslager in der Nähe von Theresienstadt gegeben, in Kohleminen. Die Leute sind dort auch wieder zurückgekommen und haben besser zu essen gekriegt. Ich habe also keinen Grund gesehen, nicht nach Ausschwitz zu fahren.

Nur Sie?

Nur ich. Es waren immer um die 2000 Leute bei einem Transport und ich hatte eine hohe Transportnummer, so um die 1600. Ich wurde plötzlich müde und ging herum. Schließlich entdeckte ich ein leeres Zimmer mit einem Bett, in das ich mich legte. Als ich aufwachte, war der Transport weg. Ich dachte mir: „Gut, dann fährst du eben mit dem Nächsten.“ Der nächste Transport ging zehn Tage später. Meine Mutter wollte mich nicht allein fahren lassen und meldete sich mit meiner Schwester dazu. Doch die Meldestelle nahm ihre Meldung nicht an. Daraufhin wurde sie nervös und sagte, ich solle nicht mitzufahren. Das zweite Mal hatte ich eine Transportnummer um die 1890, also noch höher, und ging wieder umher, diesmal aber absichtlich nicht durch die Tür zu den Waggons. Irgendwie funktionierte es. Danach wurde ich nochmal geladen. Meine Mutter ging zum Leiter der Landwirtschaft, der kein Nazi war, sondern einfach ein Farmer. Der gab mir eine Befreiung, denn es war Erdäpfel-Ernte und er hatte schon gar keine Arbeiter mehr. So bin ich nicht nach Ausschwitz deportiert worden.

Mein Vater hingegen, der hatte nicht so ein Glück. Er war in Italien, die Deutschen besetzten das Land und schickten von dort Juden nach Ausschwitz, so auch meinen Vater. Von den 200, mit denen er geschickt wurde, haben nur zwei überlebt, einer davon mein Vater. Er ist dann im Jänner 1945 befreit worden. Es waren schon die letzten 5.000 zum Erschießen aufgestellt, da sind die russischen Panzer gekommen. Mein Vater hatte danach eine lange Erinnerungslücke. Er hatte Typhus, wachte später in Krakau wieder auf und kam dann auf Umwegen nach Wien. Er sah beim Roten Kreuz, dass wir lebten. Als wir uns schließlich wiedersahen, war er in einem entsetzlichen Zustand.

Sprachen Sie später innerhalb der Familie über die Zeit in Theresienstadt?

Sofort, ja. Im Gegensatz zu meinem Vater, der immer von Buchenwald und Italien erzählte, aber Ausschwitz aussparte. Wir wussten nie, was er dort genau erlebt hatte. Es war sehr schwierig für uns danach, das Wiedereinordnen. Er fand in Wien eine Anstellung bei der Polizei. Er fing sich soweit, dass er jeden Tag in die Polizeidirektion ging und seinen Dienst machte, aber er jede Nacht schrie er im Schlaf. Wir wachten jedes Mal auf.

Wie haben Sie Wien erlebt, als Sie wieder zurück waren?

Wien war nicht wiederzuerkennen. Am Kai ist kein einziges Haus gestanden, Ruinen überall. Wir bekamen von der Kultusgemeinde ein Haus zugewiesen, die Wohnung war eine arisierte Wohnung, in der der Nazi noch wohnte. Das war kein liebevolles Beieinandersein, der Nazi und wir. Er musste uns einen Großteil der Wohnung zur Verfügung stellen, zog später aber aus.

-Helga_Feldner_mit_Foto

Wie ist es für Sie weitergegangen?

Ich wollte eigentlich nach Israel, konnte aber meine Familie nicht im Stich lassen. Mit einer Freundin von früher bin ich in die dritte Klasse der Mädchenschule gesteckt worden, obwohl wir vom Alter her in die siebte Klasse gehört hätten. Wir haben daraufhin solange mit der Direktorin gesprochen, bis sie uns eine Chance gab, sechs Wochen in die siebte Klasse zu gehen und uns zu beweisen. Wir zwei waren dort in der Klasse wie Ausstellungsstücke. Wir hatten Nachhilfslehrer, setzten uns auf den Hintern und haben gelernt, gelernt, gelernt. Wir waren sehr isoliert, aber im Laufe des Schuljahres hat sich das ein bisschen gelegt. Wir sahen dann auch, nachdem wir mehr miteinander gesprochen hatten, dass es den anderen Mädeln in der Klasse ja auch schlecht gegangen war. Sie hatten die Zerstörung Wiens miterlebt, hatten ebenso Hunger.

Erlebten Sie nach Kriegsende noch eine Benachteiligung als Jüdin?

Ich studierte Medizin und arbeitete in verschiedenen Spitälern. Ich hatte mehrere Nachteile: Ich war eine Frau, verheiratet und eine Jüdin. Ich musste viel mehr arbeiten und sehr viele Hindernisse überwinden, bis ich etabliert war. Ich habe viel Ellbogen gebraucht. Auch die Schwangerschaften waren ein Problem. Ich habe die Minimal-Karenzzeiten eingehalten, dann kümmerte sich meine Mutter um das Kind. Eines Tages bekam ich im einen Assistenzposten im Spital und der Chef sagte zu mir: „Ich hoffe, Sie werden nicht gleich wieder ein Kind bekommen.“ Ich sagte „Nein, nein“ und hatte dabei schon seit mehr als einem Monat nicht mehr menstruiert. (lacht.) Mein restliches Leben war nicht konfliktfrei, aber ich hatte den Mann, den ich wollte, und den Beruf, den ich wollte.

Wann haben Sie mit Ihren Kinder über die Vergangenheit Ihrer Familie gesprochen?

Ich habe meine Kinder, sobald sie einigermaßen im Stande waren, nach und nach mit der Wahrheit konfrontiert. Wir sind alle nicht gläubig. Aus dem Judentum kann man ja nicht austreten, das will ich auch nicht. Aber mit der Religion habe ich es nicht. Ich habe versucht zu vermitteln, wer sie sind und auch meinen Moralkodex an sie weiterzugeben. Und ich muss sagen: Ich war erfolgreich.

Was ist Ihr Moralkodex?

Steig niemals auf jemanden, der unten ist. Ganz einfach eine gewisse innere Anständigkeit haben. Das ist mir auch in der nächsten Generation gelungen, bei meinen Enkelkindern. Zum Beispiel die Korrektheit mit dem Geld oder auch aktuell die Flüchtlingshilfe. Sie haben Fahrtendienste nach Traiskirchen geleistet, den Leuten zu Essen gegeben. Wir betreuen auch zwei Familien, eine irakische und eine syrische. Was derzeit mit den Flüchtlingen aufgeführt wird… besonders mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die sind ja völlig entwurzelt.

Was empfinden Sie gegenüber der österreichischen Politik, was den Umgang mit Flüchtlingen betrifft?

Es steigt mir vieles auf, muss ich sagen. Die Abschottungspolitik eines Sebastian Kurz erinnert mich daran, wie damals auch die meisten Länder uns die Türen vor der Nase verschlossen haben. Auf der anderen Seite denke ich mir aber auch, dass es umso vieles besser als der starke Mann von früher ist. Bundeskanzler Kern macht sich nicht so schlecht. Aber, wenn die SPÖ mit der FPÖ koaliert, trete ich sofort aus. Der Hofer, der war schon gefährlich. Da haben wir gezittert.

Und wenn man so in Wien hört: „Jessas na, die U6 ist wieder stehen geblieben und ich bin nicht rechtzeitig angekommen.“ –  bitte, was ist das schon? Das sind unsere Probleme? Nicht so wie die der Ukrainer. Oder der armen Syrer.

Sie haben die Entstehung und Entwicklung der Europäischen Union von Anfang mitbekommen. Wie sehen Sie die Zukunft der EU?

Es ist ein Wunschdenken, aber ich hoffe doch sehr, dass sie hält. Das ist eine Errungenschaft, mit nichts zu vergleichen. 70 Jahre Frieden! Die Grausamkeiten des Krieges sind furchtbar. Ich traf letztens Leute vom Spiegelgrund. Schrecklich, was sie den Kindern dort angetan haben. Jeder Mensch hat eine gewisse Hemmung, aber wenn diese gefallen ist, findet man eine Ausrede nach der anderen, um jede Humanität einfach links liegen zu lassen. Ich weiß nicht mehr, ob ich das Beispiel gelesen oder gesehen haben, auf jeden Fall gab es zwei Soldaten, die nicht an den Massenerschießungen von Babi Jar 1941 teilnehmen wollten. Sie waren aber zu feig, um das zu sagen und an die Front zu gehen. Sie haben dann „aus gutem Willen“, wenn sie eine Mutter mit einem Kind sahen, gleichzeitig geschossen. So sind die Leute.

Sie gehen seit den 1990er Jahren auch als Zeitzeugin in Schulen und erzählen von der NS-Zeit.

Ja, es ist sehr anstrengend, aber ich entschloss mich es doch zu tun. Ich bin jetzt schon sehr alt und das Herumfahren ist strapaziös. Letzte Woche in Graz, nächste Woche in Wolkersdorf. Aber vielleicht wirkt es doch ein bisschen, dass sich die Leute überlegen, wie man einen Mitmenschen behandelt. Man muss ihn nicht lieben, man muss ihn nicht einladen, aber man muss ihm eine Chance geben.

Fotos: Milena Österreicher

erschienen in: MO – Magazin für Menschenrechte 47/2017

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