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Flüchtlinge ein Jahr nach der großen Ankunft. Wer kümmert sich um sie? Was ist aus den zahlreichen HelferInnen geworden? Ein Besuch bei drei Integrationsprojekten.

Wenn Nathalie Winger mit ihrem Hund Lewis in die Traiskirchner Akademiestraße einbiegt, spitzt dieser schon freudig die Ohren. Es ist Freitag, der Tag, an dem die beiden allwöchentlich zum „Garten der Begegnung“ fahren. Seit Frühjahr wird dort gemeinschaftlich ein Feld bewirtschaftet, es werden Bio-Früchte angebaut.

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„Ein Beispiel für gelebte Integration“ heißt es auf der Website, denn beim gemeinsamen Garteln machen TraiskirchnerInnen und AsylwerberInnen aus der wenige Gehminuten entfernten Erstaufnahmestelle (EAST) ebenso mit, wie Flüchtlinge aus nahegelegenen Unterkünften der Nachbarorte. Die Ernte wird am Feld verkauft, ein Teil an den Traiskirchner Sozialmarkt gespendet und der Rest gemeinsam verkocht und verspeist.

Gekommen, um zu bleiben

Über ein Jahr ist vergangen, seitdem eine große Anzahl an flüchtenden Menschen in Österreich ankam. Knapp 90.000 Schutzsuchende stellten 2015 einen Asylantrag. Etwa dreimal so viel wie im Vorjahr. Im EAST Traiskirchen, einem der drei Erstaufnahmezentren Österreichs, waren es im Juli 2015 an die 4.000 Menschen. Rund ein Drittel der AsylwerberInnen musste tagelang im Freien schlafen, da das Gebäude restlos überfüllt war. In besagtem Sommer erfasste Österreich eine Welle der Hilfsbereitschaft. Menschen fuhren zu Bahnhöfen und versorgten die Ankommenden, Hilfsprojekte sprossen aus dem Boden.

Mittlerweile ist es um die HelferInnen wieder ruhig geworden. Doch wie die AsylwerberInnen sind auch sie hier – immer noch. So wie Nathalie Winger, die sich seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise engagiert. Sie ärgert, dass das Flüchtlingsthema medial so negativ aufgeladen ist. „Es wird so getan, als gebe es die Hilfsbereitschaft der ÖsterreicherInnen nicht mehr. Aber das stimmt nicht“, sagt sie. „Es gibt definitiv mehr positive Beispiele, als immer vermittelt wird.“

Obaidullah und seine Hemden

Zum „Garten der Begegnung“ gehört auch eine Textilwerkstatt ein paar Häuserblocks weiter. Dort sitzt an einer der Nähmaschinen Obaidullah Sherzai. Der 18-jährige Afghane ist hier der kleine Star. Wenn man nach der Textilwerkstatt fragt, kommen sofort alle auf „Obaidullah und seine Hemden“ zu sprechen. Auf einer eigenen Website bietet er mittlerweile acht Modelle an. In der Textilwerkstatt fing er an, als er vor zehn Monaten in die EAST Traiskirchen kam. Mittlerweile wohnt er in einer Unterkunft in Wien, trotzdem kommt er jede Woche zum Nähen nach Traiskirchen.

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Dort wartet Gertrude Zöscher auf ihn. Zöscher ist gelernte Schneiderin und hilft Obaidullah. Nicht nur beim Nähen, sondern auch bei Behördenwegen oder beim Deutschlernen. „Es bleibt nicht nur bei den paar Stunden Nähen. Man baut natürlich auch eine persönliche Beziehung auf und möchte helfen“, sagt die Steirerin. Alle zwei Wochen fährt sie aus Bruck an der Mur nach Traiskirchen und betreut abwechselnd mit Kolleginnen die Textilwerkstatt.

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Oft kommen AsylwerberInnen aus der EAST vorbei, um Kleidungsstücke kleiner nähen zu lassen. Die meisten der gespendeten Kleidungsstücke sind zu groß für die Neuankömmlinge. Eine Schneiderei in der Wiener Innenstadt sei schon auf Obaidullah aufmerksam geworden. Doch er ist noch im Asylverfahren und darf somit nicht arbeiten. „Ich bin sehr froh über die Ablenkung in der Textilwerkstatt“, sagt Obaidullah. Denn mit seinen 18 Jahren fällt er zudem aus dem schulpflichtigen Alter heraus.

Endlich Schule

Für junge Flüchtlinge, die das schulpflichtige Alter überschritten haben, gibt es seit August das Jugendcollege „StartWien“. An zwei Standorten belegen 1.230 Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren Basis-Bildungsmodule wie Mathematik oder Englisch. Auch Spezialfächer wie Gesundheit, Soziales oder Werkstätte werden vermittelt. Die VHS Wien führt es als eine von neun ProjektpartnerInnen. Die Stadt Wien, das AMS und der Europäische Sozialfonds finanzieren es. Sowohl anerkannte Flüchtlinge, als auch Menschen im Asylverfahren, die in der Grundversorgung sind, können am Jugendcollege teilnehmen.

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„Wir erleben die Freude der Menschen, wenn sie nach so langer Ungewissheit und Nichtstun das erste Mal wieder Tagesstrukturen haben“, sagt die Projektleiterin Maria Steindl. 20 Unterrichtsstunden pro Woche stehen auf dem Stundenplan. Wer in Deutsch noch nicht sattelfest ist, besucht einen entsprechenden Deutschkurs. So wie Alika, 16 Jahre, aus Afghanistan, der im A1-Deutschkurs sitzt. „Subjekt, Prädikat und Objekt erkennen“ steht heute am Stundenplan. „Ich mag die Schule“, sagt er. Später möchte er Pflegehelfer werden. Neben dem Unterricht, wird den Jugendcollege-BesucherInnen ein Berater oder eine Beraterin zur Seite gestellt, der/die bei der weiteren Orientierung hilft. Ziel ist es, die jungen Menschen nach etwa neun Monaten an weiterführende Schulen, Lehrstellen oder Unis zu vermitteln oder direkt in einem geeigneten Job unterzubringen.

Der Großteil der Lernenden kommt aus Afghanistan. Weitere Herkunftsländer sind Syrien, Somalia, Irak, Iran, Rumänien und Kongo. Nationalismus, soziale Kontrolle, Religiosität – all das spielt auch im Jugendcollege eine Rolle. Seit Beginn des Colleges hat man einen Schüler ausgeschlossen, weil er gewalttätig wurde. Bei über tausend Schülern und Schülerinnen ein guter Schnitt, meint Maria Steindl. „Es braucht klare Regeln“, sagt die Projektleiterin. Außerdem versteht sie das Jugendcollege als religionsfreien Raum. Gebetsräume gibt es im Gebäude keine.

In den Gängen des Hauses in der Spitalgasse 5-9 trifft man wenige Mädchen an. Mehr als zwei Drittel der College-TeilnehmerInnen sind männlich. Wenn Frauen in einer Klasse sind, dann mindestens zu dritt, so die interne Regelung.

Mädchencafé in Ottakring

Einen geschützten Raum ganz für sich finden junge Frauen hingegen im *peppa in Ottakring. Seit sechs Jahren gibt es das interkulturelle Mädchencafé und die Beratungsstelle der Caritas im 16. Bezirk, einem der Bezirke mit dem höchsten MigrantInnenanteil in der Bundeshauptstadt. „Auch wir merken den Anstieg an geflohenen Menschen vom letzten Jahr“, sagt Karima Aziz, *peppa-Leiterin. Davor kamen jeden Tag etwa 25 Mädchen ins Mädchencafé, mittlerweile sind es täglich 40 bis 50. „Es werden immer mehr Mädchen aus dem Irak und Syrien“, ergänzt Aziz.

Mädchen zwischen 10 und 20 Jahren, einheimische wie zugezogene – mit oder ohne Fluchtgeschichte – sind im Zentrum willkommen. Im *peppa können sie gemeinsam spielen, lernen, lesen, Workshops besuchen oder in der Beratung persönliche Probleme mit Sozialarbeiterinnen oder Ärztinnen besprechen. Die meisten Besucherinnen kommen aus der Türkei, gefolgt von Afghanistan und Serbien, auch Österreicherinnen sind dabei. „Aus ganz Wien kommen geflüchtete Mädchen ins *peppa“, erzählt Aziz, denn ansonsten gebe es für Frauen nicht sehr viele Angebote, die ihnen einen geschützten Raum bieten.

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Mit Bussi links, rechts und einer Umarmung begrüßen sich Karima, Aziz und Aya am Eingang des *peppa. Aya ist 15 Jahre alt. Seit zwei Jahren lebt die Syrerin in Österreich. Eines Tages schnappte sich ihre Lehrerin die Klasse und besuchte mit ihnen das *peppa. Aya gefiel es, sie blieb. „Ich komme, so oft ich Zeit habe“, sagt sie. „Also jeden Tag außer Montag.“ Die Beraterinnen helfen ihr, wenn sie Formulare oder Briefe nicht versteht, wenn sie einen Arzttermin braucht oder Fragen zur Hausübung hat. „Sie sind alle so nett hier“, schwärmt Aya, „*peppa ist meine zweite Familie.“

Manchmal vermitteln die *peppa-Mitarbeiterinnen auch zwischen Schulen und Eltern. Einmal wollte ein Vater seine Tochter nicht an den berufspraktischen Tagen teilnehmen lassen. „Er wusste einfach nicht, was das ist und wozu das gut sein soll“, berichtet Karima Aziz. Die Beraterinnen konnten ihn überzeugen: Das Mädchen schnupperte in den Berufsalltag und hat nun einen festen Berufswunsch: Apothekerin.

Ob Freiwilligen-Initiativen wie der „Garten der Begegnung“ in Traiskirchen, NGO-Projekte wie das *peppa in Ottakring oder das Wiener Jugendcollege auf Stadt-Ebene – es ist einiges in Bewegung gekommen seit dem Sommer 2015. Und sie sind weiterhin hier: die neuen Mitmenschen aus verschiedenen Ländern sowie die HelferInnen, die versuchen, ihnen das Leben in Österreich zu erleichtern. Es tut sich viel, bemerkt und unbemerkt, meist abseits schriller Medien-Meldungen.

 erschienen in: mo – Magazin für Menschenrechte 4/2016

Fotos online: Garten der Begegnung, Milena Österreicher