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Bea Johnson und ihre Familie produzieren in einem Jahr nur so viel Müll, wie in ein Einmachglas passt. „Zero Waste“ eben.

In einem schicken, langen, schwarzen Abendkleid betritt Bea Johnson das Hotel. In der Hand: ein kleiner Koffer, handgepäcktauglich. Dabei ist die gebürtige Französin, die seit über zehn Jahren in den USA lebt, gerade auf längerer Europatour. Genau so sparsam wie sie reist, lebt sie auch. Denn Bea Johnson ist so etwas wie die Ikone der „Zero Waste“-Bewegung.

Mach keinen Mist

Zero Waste bedeutet „null Müll“. AnhängerInnen dieser Bewegung versuchen ihr Leben so zu gestalten, dass sie möglichst wenig oder gar keinen Müll produzieren. Ein schwieriges Unterfangen, könnte man denken: Bea Johnson hat deshalb ein „5 R“-Konzept für ein müllfreies Leben erstellt: Refuse (Ablehnen), Reduce (Reduzieren), Reuse (Wiederverwenden), Recycle (Recyclen) und Rot (Kompostieren).

Vor zehn Jahren hatten Johnson und ihr Ehemann den übermäßigen Konsum und den verschwenderischen Ressourcenumgang satt. Sie zogen in ein Haus, das nur mehr ein Drittel so groß war wie ihr altes Haus in einem Vorort von San Francisco. „Wir nahmen nur die Sachen mit, die wir auch wirklich brauchten“, erzählt Bea Johnson. Rasch merkte sie, dass sie auf einmal mehr Zeit für andere Dinge fand: „Wenn man nicht viel besitzt, muss man weniger Zeit in Putzen, Aufbewahren, Reparieren und Nachkaufen investieren.“

interview

Bea Johnson im Interview

An die Zukunft denken

Doch der Umzug alleine reichte Bea Johnson nicht. Das Thema Müll und die Folgen für die Umwelt beschäftigte sie weiterhin. Sie informierte sich, las viele Bücher und sah sich Dokumentationen an. „Auch der Gedanke an unsere Kinder war zentral: Welche Welt werden bzw. wollen wir unseren Kindern hinterlassen?“, erinnert sich Johnson. Sie und ihr Mann beschlossen, ein Leben ohne Müll zu führen: „Ich fand, wenn man hier etwas tut, dann gleich mit dem Ziel: gar kein Müll.“ Die Idee von Zero Waste war geboren.

Die ersten Jahre probiert die Franko-Amerikanerin verschiedenstes aus: selbst Brot backen, Zahnpasta aus Kokosöl anrühren oder Sojajoghurt zu Hause herstellen. „Anfangs habe ich oft vergessen, die Stofftasche in den Supermarkt mitzunehmen und bin dann erst im Geschäft daraufgekommen“, sagt Johnson. Doch sie bleibt konsequent: „Dann bin ich eben nochmal nach Hause gegangen und habe sie geholt. Heute vergesse ich sie nicht mehr.“

Auf ihrem Blog „Zero Waste Home“ teilt die zweifache Mutter Tipps und Ideen für ein müllfreies Leben. Mittlerweile ist sie Buchautorin, wird weltweit zu Vorträgen und Workshops eingeladen, um von ihrem besonderen Lebensstil zu berichten, und berät Unternehmen, wie sie ihre Produkte möglichst verpackungsfrei verkaufen können.

Elegant, schwarz, Second Hand

Ihre Kleidungsgewohnheiten stellte Bea Johnson ebenso um. Sie trägt überwiegend Second-Hand-Gewand. So auch das schwarze, elegante Kleid, das sie heute beim Interview in einem Wiener Öko-Hotel trägt. Bei Vorträgen außerdem immer mit dabei: das Einmachglas mit Mist, den sie und ihre Familie in einem Jahr nicht vermeiden konnten. Weniger, als manch andere vermutlich an einem Tag produzieren.

Coleman-Rayner | Bae Johnson

Sie sammeln den Müll, der sich gar nicht vermeiden lässt, jedes Jahr in einem Glas. Was ist im letzten Glas?

Hier sind drinnen: Ein Stück Fotopapier – in den USA ist es üblich, Weihnachtspostkarten zu verschicken. Viele sind schon auf Online-Grußkarten umgestiegen, aber manche schicken immer noch ausgedruckte Fotos und die landen dann irgendwann leider auch in meinem Glas. Dann die Plastikverpackung von einem Tampon. Ich persönlich verwende keine Tampons mehr, sondern Menstruationstassen. Das ist wohl von einer Freundin, die zu Besuch war. Das Gehäuse eines Smartphones, ein Markenetikette, ein Zacken aus dem Geschirrspüler und ein abgebrochener Teil vom Skihelm meines Mannes. Verrückte Sachen.

Ist es kompliziert, müllfrei zu leben?

Ich habe viel ausprobiert, denn als wir angefangen haben, gab es noch keine Anleitung, wie man einen Zero-Waste-Lebensstil führen könnte. Viele Dinge funktionierten nicht für uns, zum Beispiel wusch ich fünf Monate lang meine Haare mit Natron. Ich buk mein eigenes Brot, machte selbst Butter, Sojajoghurt, usw. Aber das kostete mich zu viel Zeit. Also gab ich das wieder auf, das ging neben meinem Job einfach nicht. Anstatt Käse selbst zu machen, ging ich dann mit meinem eigenen Behälter zur Käseabteilung. Wir mussten Alternativen finden, mit denen wir ein Leben lang leben konnten.

Sind Ihre Kinder genervt davon nach dem Zero-Waste-Prinzip zu leben?

Meine Kinder sind 15 und 16 Jahre alt. Sie haben länger ohne Müll gelebt als mit. Es kommt ihnen normal vor, so wie wir leben. Worauf sie stolz sind, ist, dass unser Leben voller toller Erfahrungen ist. Wir leben unser Leben basierend auf Dingen, die wir erleben, und definieren uns nicht über den Besitz. Meine Kinder haben Sachen gemacht, die ihre FreundInnen nie gemacht haben: Wir waren Eisklettern, wir haben eine Nacht in einem Unterwasser-Hotel geschlafen, wir sind zwischen zwei Kontinenten geschnorchelt, waren Kayakfahren usw. Meine Kinder bekommen zum Geburtstag solche Ausflüge. Wir besitzen nur das, was wir wirklich brauchen, und sind glücklich damit.

Was können sich die LeserInnen von Ihrem neuen Buch „Glücklich leben ohne Müll“ erwarten?

Mein deutscher Verleger sagte mir anfangs, dass das deutschsprachige Publikum das Buch nicht brauche, weil hier Recyclen schon ganz gut funktioniere. Aber Zero Waste geht weiter als nur Müll trennen und Recyclen. Nicht jeder, der das Buch liest, wird in der Lage sein, alles umzusetzen, was ich beschreibe. Wichtig ist, die Folgen unserer Kaufkraft auf die Umwelt zu erkennen und entsprechend zu handeln. Jeder kann mit den Veränderungen beginnen, die in seinem/ihrem eigenen Leben möglich sind. Und jede kleine Veränderung hin zu mehr Nachhaltigkeit wird einen positiven Effekt auf unseren Planeten und unsere Gesellschaft haben.

Tipps für ein müllfreies Leben

erschienen in: Stadt Gottes 01/2017

Fotos online: Zona Foto, privat