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Rebecca Traister dokumentiert in ihrem Buch, wie unverheiratete Frauen Politik und Gesellschaft in den USA verändern

„Sind Sie tot oder verheiratet?“, fragt Elizabeth Cady Stanton, Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts, eine Freundin, von der sie lange nichts gehört hatte. Sie und andere DenkerInnen zitiert Rebecca Traister in ihrem neuen Buch „All the Single Ladies“. Für ihre Recherchen interviewte sie zusätzlich an die hundert Frauen, darunter feministische Ikonen wie Gloria Steinem.

Die Wahlentscheiderinnen

53 Prozent der US-Amerikanerinnen sind unverheiratet. Sie beeinflussen heute die Machtverteilung auf ökonomischer, politischer und sexueller Ebene. Sie verfolgen in Sachen Gleichstellungspolitik, Abtreibungsrecht und soziale Absicherung besonders aufmerksam die PolitikerInnenversprechen. Und sie machten bei den US-Präsidentschaftswahlen 2012 bereits 23 Prozent – also beinahe ein Viertel – der WählerInnenschaft aus.

Nicht nur die Politik stellt sich laut Rebecca Traister zunehmend auf Singles ein. Auch die Wirtschaft hat das Potenzial dieser Zielgruppe längst entdeckt. In Supermärkten können Eier sowie Gemüse und Obst mittlerweile in kleineren Mengen gekauft werden. Reisebüros überschlagen sich mit Angeboten für Single-Reisen – speziell für alleinreisende Frauen. Der Immobilienmarkt steht vor der Herausforderung, immer mehr alleinwohnende Menschen unterzubringen.

Freiheit ist der bessere Ehemann

Die New Yorker Journalistin und Autorin wollte mit ihrem Buch die neue Generation der unverheirateten Frauen Anfang des 21. Jahrhunderts porträtieren. Doch schnell stand für sie fest: Das Phänomen der Single-Ladys gibt es bereits seit Jahrhunderten. Die sexuelle und ökonomische Autonomie der heutigen Frauen geht auf Errungenschaften voriger Generationen zurück. Diese beschreibt Traister detailliert in ihrem Buch.

In früheren Zeiten bedeutete Eheschließung für Frauen finanzielle Absicherung und höheres soziales Ansehen. Doch schon damals gab es Gegnerinnen der Institution Ehe. Die US-Schriftstellerin Louisa May Alcott schrieb bereits 1868, dass „für viele von uns Freiheit der bessere Ehemann ist als Liebe“.

Freiheit fanden und finden alleinlebende Menschen oft in den Metropolen dieser Erde. Städte bieten Arbeit, Freizeitvergnügen, Anonymität sowie neue Möglichkeiten in Sachen Liebe und Sex. Frauen konnten sich der Überwachung durch Familie und Dorfgemeinschaft entziehen.

Die Schattenseiten des Single-Daseins

Dennoch sind ledige Menschen oft auf sich allein gestellt. Eine der interviewten Frauen erzählt von einem Abend, an dem sie sich unterwegs an der Schulter verletzte. Als sie zu Hause ankam, brach sie in Tränen ob ihrer plötzlichen Hilflosigkeit aus. Niemand konnte ihr aus dem Kleid helfen. Sie musste bis in die Früh auf die Hilfe ihrer Nachbarn warten.

Unverheiratete Menschen haben zudem nicht dieselben Rechte, die Eheleute genießen. Und im Kampf um Gleichstellung mit heterosexuellen, verheirateten Paaren in Bezug auf das Besuchsrecht in Krankenhäusern oder besseren Zugang zu Adoption überschneiden sich die Forderungen von Homosexuellen und Alleinstehenden. Außerdem macht Rebecca Traister auf den Kampf von alleinstehenden farbigen Frauen aufmerksam, die gegen eine mehrfache Diskriminierung kämpfen müssen: wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und ihres Single-Lebens.

Single-Stigma

Frauen, die in keiner Partnerschaft leben, haftet oft der Ruf an „nicht normal“, „schwer vermittelbar“ oder „zu anspruchsvoll“ zu sein. Traister listet in ihrem Buch Beispiele auf, in denen das gesellschaftliche Single-Bashing sichtbar wird. Etwa als das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ 1986 die unrühmliche Coverstory „The Marriage Crunch“ brachte. Darin behauptete es, es wäre wahrscheinlicher, dass alleinstehende 40-jährige Frauen von Terroristen getötet würden, als dass sie noch jemand zur Ehefrau nähme.

Eine Frau, die sich aktiv entschieden hat, allein zu bleiben, existiert in der Vorstellungswelt vieler bis heute nicht. Single-Ladies lassen sich schlecht in herrschende Kategorien einordnen: Warum sind sie immer noch alleine, wenn sie weder Männerhasserinnen noch homosexuell sind?

Serien-Erfolge

In der Popkultur tauchen erstmals in den 1990er-Jahren ledige Menschen als neue Charaktere auf. 1993 sendet der TV-Sender FOX die Serie „Living Single“ mit Queen Latifah über eine Gruppe von Mitbewohnerinnen in Brooklyn. Ein Jahr später folgt die weiße Manhattan-Version vom Sender NBC, die zu einem Riesenerfolg wurde: „Friends“. Candace Bushnell schreibt ihre wöchentliche „Sex and the City“-Kolumne über vier Frauen in New York, die später verfilmt wird. Helen Fielding landet mit „Bridget Jone’s Diary“ einen großen Erfolg. Es ist das Jahrzehnt der gut vermarkteten Single-Geschichten.

Traisters Buch ist weder eine Lobeshymne auf das Single-Dasein noch auf die Ehe. Es zeigt vielmehr die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens unverheirateter Frauen und weist auf den zunehmenden Einfluss dieser heterogenen Gruppe auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hin.

Rebecca Traister, die selbst nach jahrelangem Single-Sein mit 35 Jahren heiratete, konzentriert sich in ihrem Buch auf die Vereinigten Staaten. Die Erkenntnisse aus „All the Single Ladies“ sind aber auch für Europa interessant. In Österreich sind mittlerweile 37 Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte. Bleibt also zu hoffen, dass dieses Buch bald in deutscher Übersetzung erscheint.

erschienen in: dieStandard.at, 21.07.2016

Foto online: Sascha Kohlmann, CC, flickr.com

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