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Im Ramadan, der Fastenzeit für MuslimInnen, wird beim traditionellen „Iftar“ jeden Abend mit Familie und FreundInnen gegessen. In Traiskirchen sind auch Flüchtlinge zu Speis und Trank in die Moschee eingeladen.

Die Schlange ist lang. Viele Männer, vorwiegend junge, sitzen oder stehen auf dem Gehsteig der Pfaffstättner Straße vor einem dottergelben Gebäude und warten geduldig in einer Reihe. Es ist Juni, kurz nach 20 Uhr. Die Sonne wird gleich untergehen. Sobald das letzte Sonnenlicht erloschen ist, beginnt das traditionelle Fastenbrechen-Essen. Im Fastenmonat Ramadan verzichten praktizierende Muslime und Musliminnen den ganzen Tag auf Essen und Trinken (siehe Infobox), am Abend trifft man sich mit Familie und FreundInnen zum gemeinsamen Essen.

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Frauen und Kinder sind bereits an der Schlange vorbei. Sie sind die Ersten, die zu essen bekommen. Seit über 15 Jahren organisiert der „Türkisch-islamische Kulturverein“ in Traiskirchen das gemeinsame Fastenbrechen-Essen, das „Iftar“. Der Verein betreibt die „Selimiye Moschee“.

Überquert man die Pfaffstättner Straße, steht man nach wenigen Metern vor der Erstaufnahmestelle Traiskirchen. Dort waren im Sommer 2015 zeitweise mehr als 4000 AsylwerberInnen untergebracht. Einer von ihnen ist Yusuf, 17 Jahre alt, alleine geflohen aus dem Irak. Er war vergangenen Sommer einige Wochen in der Traiskirchner Asylunterkunft, bevor er in eine andere Wohneinrichtung wechselte. „Zum Iftar-Essen bin ich fast jeden Abend gegangen“, erzählt er. „Es hat immer super geschmeckt, besonders die Bohnensuppe. Ich habe mich ein wenig wie mit meiner Familie gefühlt.“ Für die AsylwerberInnen ist das Essen, das sie aus ihren Heimatländern kennen, und das Treffen außerhalb der Unterkunft eine willkommene Abwechslung.

„Zunächst war das Abendmahl für unsere Mitglieder, Familien und FreundInnen bestimmt. Wir haben jedoch festgestellt, dass das Essen von Jahr zu Jahr regen Zulauf von den Brüdern und Schwestern aus dem Flüchtlingslager fand“, erklärt Erdal Kaymaz, Obmann des „Türkisch- islamischen Kulturvereins“ in Traiskirchen. Darum beschloss der Kulturverein, auch die Asylwerberinnen und Asylwerber zum Essen einzuladen.
Im Sommer 2015 stieg die Zahl der nach Österreich geflohenen Menschen signifikant an. In Traiskirchen mussten viele Flüchtlinge aufgrund der Überbelegung der Asylunterkunft die Nächte im Freien verbringen. Im Zelt hinter der Moschee aßen mitunter an die 2800 Menschen an einem Abend. Ein Großteil davon Flüchtlinge aus dem Erstaufnahmezentrum, darunter auch rund ein Drittel nicht-muslimische Menschen.


Wettlauf gegen die Zeit

Der große Andrang bedeutete vor allem logistische Herausforderungen. Denn es bleibt nicht viel Zeit zwischen Sonnenuntergang und 22 Uhr, wenn die Flüchtlingsunterkunft ihre Türen wieder schließt. So wurden kleine Gruppen nach und nach in das Zelt gelassen, Essen rasch verteilt, das Gebet zum Fastenbrechen gesprochen und gegessen, bis die Nächsten an der Reihe waren. „Es war für uns als einfacher Kulturverein keine leichte Aufgabe“, sagt der Vereinsobmann. Ohne 40 freiwillige HelferInnen wäre es schwer zu bewältigen gewesen: BürgerInnen aus der Umgebung, Mitglieder des Kulturvereins und Asylsuchende, die alle mit anpackten. Es trafen Menschen verschiedener Konfessionen zusammen, halfen und aßen gemeinsam. „Auch Schulkinder kamen, die ihre Freizeit opferten sowie ihr Taschengeld spendeten“, erzählt Kaymaz.

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Stundenlanges Kochen

Gekocht wird vor Ort. Gegen Mittag muss bereits mit der Zubereitung begonnen werden, damit ab 21 Uhr alle verköstigt werden können. Das Essen kommt durch Geld- sowie Sachspenden zustande. Täglich werden an die 80 Kilogramm Reis, 75 Kilogramm Fleisch, 50 Kilogramm Erdäpfel sowie 35 Kilogramm Gemüse verarbeitet. Dazu bekommen die Gäste Fladenbrot und Getränke.

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Erdal Kaymaz ist überzeugt, mit dem letztjährigen „Iftar“, an dem tausende Menschen teilnahmen, ein Zeichen gesetzt zu haben: „Ein Zeichen der Menschlichkeit, ein Zeichen der Nächstenliebe und vor allem ein konfessionsunabhängiges Zeichen der Solidarität für Bedürftige.“

Vor der Moschee lassen Ordner die nächste Gruppe ins Essenszelt. Langsam löst sich die Schlange auf dem Gehsteig auf. Die HelferInnen waschen das Geschirr ab, die AsylwerberInnen kehren in das Erstaufnahmezentrum zurück. Im gelben Haus in der Pfaffstättner Straße in Traiskirchen kehrt Nachtruhe ein.

Infobox:
Der Ramadan
Der Ramadan ist der islamische Fastenmonat. In diesen 30 Tagen fasten muslime Männer und Frauen täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang: kein Essen, kein Trinken, keine sexuellen Handlungen. Nach dem Einbruch der Nacht wird mit dem „Iftar“, dem gemeinsamen Essen, das Fasten gebrochen. Dabei werden Speisen wie Eintöpfe oder Reis mit Fleisch zu sich genommen. Da der Zuckerspiegel im Körper nach einem langen Fastentag niedrig ist, essen viele Datteln vor dem „Iftar“-Mahl.

„Ramadan“ ist arabisch und bedeutet so viel wie „der heiße Monat“. Dies kann als Anspielung auf das Hitzegefühl im Magen verstanden werden, das vom Durst erzeugt wird. Andere Erklärungen deuten auf die innere Befreiung von Sünden, die während des Ramadan „ausgebrannt“ werden.

Der Ramadan wird im neunten Monat des islamischen Mondkalenders begangen. In diesem Monat soll erstmals der Koran, die Heilige Schrift des Islams, zu den Menschen herabgesandt worden sein. Durch die Umrechnung des Mondjahres auf den in Europa üblichen gregorianischen Sonnenkalender verschiebt sich der Beginn der großen Fastenzeit jedes Jahr um ein paar Tage. Dieses Jahr dauert der Ramadan von 6. Juni bis 4. Juli.

Zum Fasten sind alle Frauen und Männer verpflichtet, die es ohne körperliche Schäden durchführen können. Daher sind beispielsweise Kinder, Schwangere, Kranke und sehr betagte Menschen davon ausgenommen. Neben dem Fasten ist der Ramadan auch die Zeit der religiösen Besinnung, des Gebets und der Selbstbeherrschung. Zudem werden das Mitfühlen mit Bedürftigen und die Dankbarkeit für die Nahrung in den Mittelpunkt gestellt. Während des Ramadan befreit man sich zudem von schlechten Dingen, wie Neid, negativen Gefühle oder übler Nachrede. Dies gilt als die „innere“ Dimension des Fastens.

Das Fasten ist eine der fünf Säulen des Islams. Neben der großen Fastenzeit bilden das tägliche fünfmalige Gebet, das Glaubensbekenntnis, das Entrichten der „Zakat“ (Almosen für Bedürftige) und die Pilgerfahrt „Hadsch“ nach Mekka den Rahmen des Lebens praktizierender Muslime.

erschienen in: Stadt Gottes 06/2016

Fotos online: Türkisch-islamischen Kulturverein Traiskirchen

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