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Vorurteile geistern oft durch die Medien. Besonders über Integration. Darum unterstützt die „Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen“ JournalistInnen und kämpft mit Fakten gegen falsche Annahmen.

Wie viele österreichische BerufssoldatInnen wurden im Ausland geboren? Personen welchen Landes erhielten die meisten negativen Asylbescheide? Und welche Studienrichtungen zählen die meisten ausländischen Absolventen?

Antworten darauf liefert seit 2011 die „Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen“ (MSNÖ). „Wir verstehen uns als Plattform zur Unterstützung von Journalisten. Uns rufen Menschen an, die Informationen brauchen, seien es genaue Zahlen oder Kontakte zu Interviewpartnern.“, erklärt Chefredakteur Zarko Radulovic. Die Infos mit Quellenangabe erhalten sie dann telefonisch oder schriftlich. Im Schnitt sind es neun Anfragen pro Monat. Finanziert wird die Servicestelle unter anderem von der Arbeiterkammer, der Industriellenvereinigung und dem Innenministerium. Zusätzlich gibt es Kooperationen, wie die „Fact Sheets“ mit dem Österreichischen Integrationsfonds. Einige Themen dieser Faktenaufbereitung bis dato: interkulturelle Feiertage in Österreich, Integration in der Medienwelt oder die Russische Föderation.

Neben der Redaktion, die im Redaktionsgebäude der Wiener Zeitung angesiedelt ist, setzt sich die Plattform aus einem Fachbeirat und einem Vereinsvorstand zusammen. Vereinsobmann Peter Wesely erzählt: „Wir bemerkten damals im Nationalratswahlkampf 2008, dass massiv ausländerfeindliche Töne aus einem speziellen politischen Eck angeschlagen wurden. Dem wollten wir Zahlen, Daten und Fakten entgegensetzen.“

Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen war europaweit die erste. Ihr folgte Ende 2012 der „Mediendienst Integration“ in Deutschland. Dieser arbeitet ähnlich wie ihr österreichisches Pendant. Einen Unterschied sieht die deutsche Chefredakteurin Ferda Ataman in der Kommentierung politischer Entwicklungen durch die Experten des Mediendienstes. „Außerdem arbeiten wir mit einem großen Netzwerk an Wissenschaftlern zusammen, da sich gezeigt hat, dass die Wissenschaft bei den Themen Integration und Asyl in manchen Dingen weiter ist als der öffentliche Diskurs.“

Auslöser für die Gründung des deutschen Mediendienstes war das Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ von Thilo Sarazzin. Es wurde über 1,5 Millionen Mal verkauft und propagierte ein Problem mit muslimischen Einwanderern. Ataman ärgert sich: „Das Buch strotzt vor falschen Angaben. Trotzdem wurden die Daten oft unhinterfragt übernommen.“ Zufrieden ist sie heute mit der Nutzung ihres Mediendienstes und zwei Anfragen pro Tag.

Zurück zur österreichischen Medien-Servicestelle. Deren Fachbeirat setzt sich aus Journalisten diverser Medien, wie das biber, Falter, Profil oder M-Media, zusammen. Eine davon ist Barbara Gansfuß-Kojetinsky, Redakteurin im Chronikressort des ORF-Radios: „Ich engagiere mich persönlich in dem Beirat, da meine Spezialthemen unter anderem Asyl, Integration und Schubhaft sind. Wenn ich für das Ö1-Mittagsjournal einen Beitrag gestalte, habe ich oft nur drei Stunden Zeit, um Daten zu recherchieren und Ansprechpartner zu finden. Angenommen ich bräuchte einen Kurden oder Jesiden für eine Geschichte, dann kann mir die Medien-Servicestelle in wenigen Minuten Kontakt zu möglichen Gesprächspartnern vermitteln.“

Auch die Medienwissenschaftlerin Petra Herczeg vom Publizistikinstitut der Universität Wien hält die Plattform für eine wichtige Anlaufstelle. „Ich sehe sie als gutes Korrektiv bzw. Ergänzung zu den Themen, die Journalisten normalerweise aufgreifen.“ Für Herczeg spielen Massenmedien eine wichtige Rolle im Prozess der Integration: „Das betrifft sowohl den Diskurs über Migration und Integration, als auch die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund an der Medienproduktion.“

In den österreichischen Printmedien beobachtet sie eine starke Personalisierung und Stigmatisierung. „Das zeigt sich deutlich bei der Visualisierung von Migranten. Vor allem bei Frauen, die immer von hinten, oft mit mehreren Einkaufstaschen beladen, gezeigt werden.“ Außerdem kritisiert sie, dass die betroffenen Menschen kaum selbst als Repräsentanten vorkommen. Häufig werde reflexartig auf gewisse Expertenmeinungen und NGO-Sprecher zurückgegriffen anstatt jene Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen.

Ein mögliches wünschenswertes Zukunftsprojekt für Vereinsmitglied Edward Strasser ist ein Serviceangebot für Bildmaterial: „Die Bilder, die momentan in den Medien verwendet werden, wenn zum Beispiel Fotos nur mit blonden und blauäugigen Menschen abgedruckt werden, entsprechen meist nicht der Realität.“. Zudem würde häufig auf US-amerikanischen Bilddatenbanken wie Getty Images zurückgegriffen, die allerdings andere Gesellschaftsbilder wiedergeben, als die in Österreich existierenden.
Zarko Radulovic, der langjährige Journalist mit serbischem Migrationshintergrund, ist momentan der einzige Fix-Angestellte der Medien-Servicestelle. Der Rest besteht – meist aus jungen – freien Mitarbeitern, die großes Interesse am Journalismus zeigen und so in der Praxis ausgebildet werden. „Einer unserer größten Erfolge ist, dass schon einige unserer Mitarbeiter später einen Job in österreichischen Mainstream-Medien, wie zum Beispiel der APA, der Wiener Zeitung oder Puls 4 gefunden haben.“, berichtet er.

Die recherchierten Zahlen und Infos der MSNÖ hat Radulovic bereits quer in allen Medien Österreichs gesehen. Auch Anfragen aus Deutschland von ARD, ZDF, WDR, der Süddeutschen Zeitung oder der Berliner Zeitung wurden bearbeitet.
Der Chefredakteur zieht eine positive Bilanz: „Es macht nicht nur Spaß, sondern ist auch eine sinnvolle Aufgabe mit Zahlen und Fakten gegen Vorurteile anzukämpfen.“

Die Antworten auf die eingangs gestellten Fragen lauten übrigens: 410 von rund 14.000 Berufssoldaten; Pakistan; Veterinärmedizin und Theologie.

erschienen in:  Statement 12/2014-01/2015

Foto: Screenshot: http://www.medienservicestelle.at

Aktualisierung Februar 2016:

Mittlerweile ist die MSNÖ nicht mehr in den Räumen der Wiener Zeitung untergebracht; zudem erhält sie inzwischen mehr als neun Anfragen pro Monat.