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Ein Gespräch mit dem Rechtsextremismus-Experte Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) über Rechtsextremismus, Frauen in der Rechten und über Skandale, die in Österreich keine Skandale sind.

In letzter Zeit erzielen rechte Parteien in Europa immer bessere Wahlergebnisse. Warum?
Die Ursachen sind auf der einen Seite Abstiegsängste, Desintegrationserfahrungen, ökonomische Krise, finanzielle Krise. Aber wichtig sind auch die nationalen Besonderheiten. Ganz wichtig ist auch immer das Versagen der politischen GegnerInnen. Die extreme Rechte ist so stark, weil die anderen eben, nicht ganz unverschuldet, so schwach sind. Ich würde schon insofern von einer Gefahr sprechen, als dass das Demokratische zur Disposition steht. Österreich ist halt leider gerade ein Land, wo die extreme Rechte sehr stark und sehr erfolgreich ist. Und gerade in Österreich sehen wir, dass das Politische entleert wurde und stattdessen ethnisiert. Es bedarf wieder einer „Repolitisierung“. Das demokratische Projekt muss wieder neu auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?
Da kann ich jetzt nur für Österreich sprechen. Wir haben eine starke Zustimmung bei den 16- bis 18-Jährigen zur FPÖ, aber gleichzeitig auch zu den Grünen – eine gesamtgesellschaftliche Tendenz, die nicht nur zu beklagen ist. Je länger Jugendliche in Bildung bleiben, desto eher sind sie davor gefeit rassistisch zu denken, zu handeln. Da wäre gerade eine Forderung nach der Gesamtschule nicht nur sozial, sondern auch politisch angebracht.

Und später?
Rassismus und Antisemitismus nehmen signifikant im Alter zu, im Prozess des Älterwerdens, der Anhäufung von Ängsten, des Schwachwerdens, natürlich auch der Einsamkeit. Egal ob es Jugendliche mit Marginalisierungserfahrungen oder ältere Personen sind, sie fühlen sich selbst auch als Opfer von gesellschaftlichen Entwicklungen, von Ausgrenzungen, von Hass. Und dann kommen wir zur Quelle: Es ist der Neid.

Marine Le Pen hat bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich rund 17 Prozent der Stimmen erzielt. Sind Frauen in der Rechten nun erfolgreicher?
Je weiter man nach rechts außen geht, desto männlicher wird es: sowohl im Elektorat (der Wählerschaft, Anm. der Red.) als auch im Personal. Während der Neonazismus einen sehr deutlichen Männer- und Männlichkeitsüberschuss aufweist, werden etwa die rechtspopulistischen Parteien in Dänemark und Norwegen von Frauen angeführt. Auch gilt: je weiter du in den Süden kommst, mit der Ausnahme Alessandra Mussolini in Italien, desto männlicher. Marine Le Pen versucht gerade die Front National vom Rechtsextremismus zumindest auf einer akklamatorischen oder agitatorischen Ebene wegzubringen. Ihr Besuch beim WKR-Ball hat ihr in Frankreich zum Beispiel gar nicht gut getan. Sie hat sich dann mehr oder weniger distanziert in Frankreich und gesagt, das habe sie nicht gewusst. Also auch wieder sehr peinlich für die FPÖ.

Und Frauen in der Rechten in Österreich?
Naja, schauen wir uns die FPÖ an: Sie ist mehr denn je eine Burschenschafter-Partei. Dementsprechend auch eine Männerpartei mit einer ganz prominenten Ausnahme: Barbara Rosenkranz. Sie ist tatsächlich eine Macht in der Partei, die sehr eigenständig agiert. Die Familie Rosenkranz ist da aber auch widersprüchlich. Der Mann ist daheim bei den 10 Kindern, während sie voll im Berufsleben steht, gleichzeitig repräsentiert sie aber ein sehr traditionelles oder schlimmer noch übertraditionelles Frauenbild.

Wie sieht das Frauenbild in der neonazistischen Szene aus?
In dem Fall ist das tatsächlich Unterwerfung, nicht nur unter rigide Geschlechtervorstellungen, sondern auch Unterwerfung unter einen extremen Sexismus, also Verachtung. Ich analysiere auch die Liedertexte dieser Bands: dieser Frauenhass, diese Frauenverachtung und dieser alltägliche Sadismus bis hin ins Pornographische. Zum Beispiel singen sie: „Weiber sind bei uns nichts wert, auch wenn man sie nicht gern entbehrt.“

In Deutschland gab es eine mediale Diskussion, dass Frauen in der Szene vor allem im Hintergrund organisieren, wie zum Beispiel in Sportvereinen aktiv sind und dort die Ideologien verbreiten..
Das trifft in Deutschland sicher zu, mit Abstrichen auch in Österreich. Je weiter es um Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen geht, desto mehr Frauen haben wir dann.

Das findet wenig Beachtung oder?
Ja, wie überhaupt Frauen in der rechtsextremen Szene relativ wenig Beachtung finden, auch nicht bei den politischen Gegnern und Wählern. Das erklärt, warum Rechte Frauen zu linken Veranstaltungen schicken. Weil sie auch von den Linken nicht in dem Ausmaß als Bedrohung wahrgenommen werden, wie wenn drei Neo-Nazitypen kommen.

Und bezüglich der Berichterstattung? Bei der Zwickauer Terrorzelle mit der mutmaßlichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe gab es Artikel mit der Frage „Wessen Geliebte war sie?“, also die mediale Reduzierung von der Gewaltausübenden auf ein Sexualobjekt?
Genau. Also auch klassisch wieder durch diese Geschlechterbrille bei der Berichterstattung.

Gibt es Mädelschaften in Österreich?
Ja, ich glaube drei mittlerweile. Die erste ist irgendwann in den späten 80er Jahren gegründet worden, die Freya. Im Unterschied zu Burschenschaften fechten die Mädels und die hohen Damen in der Mädelschaft nicht. Das ist der Punkt: Diese Ehre und deren Verteidigung im Duell sind an den Mann geknüpft. Auch die Bereitschaft, das Vaterland zu verteidigen.

Und die Burschenschafter in Österreich?
Das ist natürlich ein eigenes Kapitel. Nur eine kleine Anmerkung zum 8.Mai: Es gab zwar Gegendemos, aber die Empörung, der gesellschaftliche Aufschrei war relativ leise. Gerade in den Medien wird das Burschenschafter-Thema immer noch viel zu stiefmütterlich, viel zu nahe an der Selbstdarstellung der Burschenschafter geführt. Die Burschenschafter haben eine Macht in Österreich. Das ist eben das Paradoxe. Auf der einen Seite viel weiter rechts als die deutschen Burschenschaften und auf der anderen Seite gesellschaftlich und politisch viel erfolgreicher, dank FPÖ. Das ist der eigentliche Skandal, der kein Skandal ist in Österreich. Da wären halt die Medien gefragt und die politischen GegnerInnen.

Sollen Medien mehr darüber berichten oder bieten sie ihnen dann zu viel Plattform?
Ich kenne das Argument mit der Plattform. Ich weiß von der journalistischen bzw. ethischen Sorgfalt, dass man die Gegenseite zu Wort kommen lässt. Aber es gibt dann immer noch auf der Karikaturen-Ebene, auf der Kommentar-Ebene Möglichkeiten zur klaren politischen Positionierung. Auch das Lächerlich-Machen halte ich durchaus für ein wirksames Mittel – ohne dabei die Grenzen der Menschlichkeit zu verlassen, denn das unterscheidet uns ja von Rechtsextremen.

Wenn man die Wahlkämpfe beobachtet, werden Parolen wie „Daham statt Islam“ immer alltäglicher. Sind wir das schon gewohnt?
Es hat sicher einen Gewöhnungseffekt gegeben. Ich würde das auch als Normalisierung bezeichnen, Normalisierung von Rassismus. Oder allgemein von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Ein Beispiel dazu: Es hat 1990 einen Versuch gegeben von Neonazis, rechts von der FPÖ zu kandidieren als Liste „Nein zur Ausländerflut“ in Wien. Das ist untersagt worden. Es kam dann zu einem Verfahren, bei welchem die Entscheidung bestätigt wurde, diese Partei nicht zuzulassen. Als Argument dafür wurde die oftmalige Verwendung des Begriffs „Überfremdung“ angeführt, dies verweise auf die hetzerische Absicht und die neonazistische Gesinnung. Also was 1991 noch Argument eines obersten Gerichtshofes gegen eine Partei war, ein Beweis für Neonazismus und rassistische Verhetzung, prangt acht Jahre später, `99, in Wien an jeder Straßenecke: „Stopp der Überfremdung“. Also wenn mir das jemand `91 gesagt hätte, hätte ich gesagt: Na bist verrückt, das kann doch nie sein. Und darum bin ich ein bisschen vorsichtig geworden, was noch alles möglich ist, was als Nächstes kommt.

Was sagen Sie dazu, dass 2001 mit der Regierungsbeteiligung der FPÖ der bis dato jährlich erschienene Lagebericht zum Rechtsextremismus eingestellt wurde?
Ja, ist vielsagend und ein Skandal. Und ein noch größerer Skandal ist, dass er nicht wieder aufgenommen wurde bis heute. Und dazu kommt, es ist ja nicht nur der Jahreslagebericht eingestellt worden, sondern die Burschenschaften scheinen seit 2002 auch nicht mehr im Verfassungsschutzbericht auf. Und nicht weil sie sich so gemäßigt hätten oder verändert haben. Mir kommt es auch oft so vor, dass die Öffentlichkeit sehr schnell wieder zurückfällt hinter einen Erkenntnisstand, auch die mediale. Man muss es immer wieder aufs Neue skandalisieren.

Was war der Grund für Sie in diesem Bereich zu arbeiten?
Persönliches Engagement. Natürlich auch vor dem Hintergrund, dass ich 9 Kilometer entfernt von Mauthausen aufgewachsen bin. Und ich will möglichst verhindern, dass extreme Rechte Zuspruch bekommen, also ich meine die Burschenschafter, die FPÖ oder auch, dass ihre Positionen, wie Rassismus, Antisemitismus, Homophobie noch normaler werden. Der Versuch einer Aufklärung. Ob es erfolgreich ist…

 

erschienen in:  über.morgen 06/2012